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Hoppla!

DAS WAR WOHL NICHTS

Leider hast du dir ein Jahr ausgesucht, in dem keine großartige Geschichte geschrieben wurde oder einen Begriff, der in Furtwangen so fremd ist, wie den Einheimischen sommerlichen Temperaturen, den Nordkoreanern Pressefreiheit oder Vegetariern der Geschmack von Fleisch.

Fest steht: Hier gibt es nichts zu sehen.

In Madrid einen Stierkampf hautnah erleben? In Buenos Aires Tango tanzen? Oder vor der Küste Australiens die besten Wellen reiten? Das alles bietet die Hochschule Furtwangen, falls sich die Studierenden dazu entschließen, ein Auslandssemester an einer der vielen Partnerhochschulen einzulegen. Das Problem nur dabei ist: Wie entscheidet man sich für einen Ort? Ein Semester ist kurz und die Auswahl ist groß. Internationalität bleibt ein zentrales Anliegen der Hochschule; Auslandsaufenthalte sind ein fester Bestandteil des Studiums an der HFU – mittlerweile steht die Hochschule mit über 140 auswärtigen Hochschulen in Kontakt. Aber auch Furtwangen steht hoch im Kurs. Das Studium im Schwarzwald ist beliebt und genießt großes Ansehen bei internationalen Studierenden. So steigt auch die Zahl derer stetig, die ihr Studium mit einem Aufenthalt in der Stadt der Uhren bereichern wollen

Im Jahr 2009 wurde ein neues Kapitel in der Geschichte der Hochschule Furtwangen aufgeschlagen. Nach einem Kopf an Kopf Rennen mit der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung Konstanz hatte sie knapp die Nase vorn und konnte zum Wintersemester des Jahres einen dritten Standort in der Donaustadt Tuttlingen einrichten. Dabei führte das großen Aufkommen an Unternehmen im Bereich der Medizinbranche in dieser Region dazu, dass nun Studierende in Medizintechnik, Maschinenbau und Produktionstechnik dort unterrichtet werden. Die drei angebotenen Ingenieurstudiengänge wurden in Zusammenarbeit mit der Industrie entwickelt und sollen den Studierenden auch die Möglichkeit bieten, moderne Firmenlabore nutzen zu können. Ein ehemalige Industriebau in der Tuttlinger Kronenstraße wurde zum neuen Semester renoviert und ausgebaut, damit sich die 105 Neuankömmlinge so wohl wie möglich fühlen konnten.

Wo der Schwarzwald tief ist, sind auch die Mythen nicht weit. Eine Legende, die in Furtwangen einfach nicht verschwinden will, geht etwa so: Hier soll es die höchste Selbstmordrate Deutschlands geben – eine Geschichte, die im Jahr 2007 auch die Filmbranche auf sich aufmerksam machte. Furtwangen sollte zum Schauplatz einer schwarzen Komödie werden. Doch daraus wurde nichts; der damalige Bürgermeister Richard Krieg ärgerte sich über die Stigmatisierung und auch darüber, dass die Filmförderung Baden-Württemberg über 11.000 Euro für eine solche Unternehmung beisteuern wollte. Tatort-Regisseur und Drehbuchautor Hans-Christoph Blumenberg stellte zwar klar, dass der Film an einem fiktiven Ort spiele und am Ende das Gerücht eindeutig als solches entlarvt werde. Trotzdem machte die Gemeinde Furtwangen dem Filmteam einen Strich durch die Rechnung. Die Zelte wurden abgebrochen und der Dreh abgesagt. Aber: Das Gerücht kommt nicht von ungefähr: In den 1990-er Jahren stürzten sich innerhalb eines Jahres zwei verzweifelte Seelen aus einem Studentenhochhaus.

Zum Wintersemester war es soweit. Nach Inkrafttreten eines neuen Landeshochschulgesetzes im Januar 2005 wurde aus der Hochschule für Technik und Wirtschaft die Hochschule Furtwangen University – kurz HFU. Und damit nicht genug: Zusätzlich zur Namensänderung veränderte die traditionsreiche Bildungseinrichtung ihr öffentliches Erscheinungsbild und entwickelte in nur sechs Monaten eine ganzheitliche neue visuelle Gestaltungslinie. Das neue Logo der Hochschule Furtwangen University symbolisierte jetzt eine Hörsaalsituation, um zu zeigen, wie sehr hier der Studierende im Mittelpunkt aller Bestrebungen steht und wie sehr ihm auch alle beruflichen Türen nach dem Studium in Furtwangen offen stehen. Für dieses Versprechen reformierte die Hochschule ihr System und geht seither noch stärker in Richtung ihrer Internationalisierung und einer Vergrößerung des Studienangebots an Bachelor- und Masterstudiengängen.

Die bereits über 150 Jahre andauernden Bemühungen um die Kontinuität der Fachhochschule Furtwangen wurden im Jahre 2005 außerordentlich belohnt. Während eines Forums in Berlin lobte der damalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder das sog enannte »Modell Furtwangen«. Signifikant an diesem sei es, dass in der knapp 1.000 Meter hoch gelegenen Kleinstadt die wichtige Basis im Bereich der Gründungen gelehrt werde. Der Hochschule Furtwangen gelinge es, durch praxisnahe Theori und fruchtbare internationale Ausrichtung immer wieder Absolventinnen und Absolventen mit Pioniergeist hervorzubringen und ihnen bei Existenzgründungen unterstützend zur Seite stehe. Das enge Tal im Schwarzwald sei voll von solchen »Hidden Champions«, die den Mut aufbringen, auch in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten den Schritt zur Selbständigkeit zu wagen. Sie seien es, die Weltklasse liefern – auf Gebieten von der Steuerungstechnik bis hin zur Feinmechanik. Als Konsequenz bestehe in Furtwangen eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in ganz Deutschland. Und so könne man hier beständige den Geist des »fleißigen Tüftelns« als »Überbleibsel aus bereits vergessen geglaubten Zeiten« finden.

Als Hochschule im Schwarzwald muss man sich nach wie vor immer wieder Neues einfallen lassen. So kommt es auch nicht von ungefähr, dass nur fünf Jahre nach der Ernennung zur Hochschule für Technik und Wirtschaft zum Sommersemester im Jahr 2002 der Fachbereich für Wirtschaftsinformatik den ersten reinen Frauenstudiengang an der Hochschule Furtwangen eingerichtet hat. Dieser bestätigt als erster seiner Art im süddeutschen Raum einmal mehr den Pioniergeist der Hochschule. Jahrelange Klagen, dass zu wenige Frauen an technisch orientierten Hochschulen studieren, haben den Studiengang »Wirtschaftsnetze« entstehen lassen. Neben betriebswirtschaftlichen Inhalten hören die Studentinnen des Fachs auch Vorlesungen in den Bereichen Informatik und E-Business. Zusätzlich wird während des gesamten Studiums sehr viel Wert auf Methoden- und Sozialkompetenz gelegt. Um nicht komplett von der Männerwelt abgeschnitten zu sein, wird im Hauptstudium die Möglichkeit geboten, zusätzliche Fächerkombinationen aus anderen Studiengängen des Fachbereichs zu wählen. Die Absolventinnen sollen dann in der Lage sein, die Vernetzung von Unternehmen in der globalen Gesellschaft zu verstehen und sie mit entsprechenden Informations- und Kommunikationssystemen auszustatten.

Das Computer-Zeitalter steckte noch in den Kinderschuhen, als es von ersten »Parasiten« heimgesucht wurde: Computerviren kamen in Umlauf und legten flächendeckend Computersysteme lahm. Als bundesweit die Bevölkerung von offizieller Seite beruhigt wurde, dass die Viren keine Gefahr für den menschlichen Organismus darstellen und als Computer- Schnupfen abgetan wurden, konnte zwar aufgeatmet werden; das eigentliche Problem war damit aber noch nicht behoben. Auch die Fachhochschule Furtwangen litt unter den ersten Angriffen der damaliger Computer-Hacker und man war man gezwungen, sich gegen diese besser zu wappnen. Eine Diskette sollte Abhilfe leisten. Auf ihr waren Heilmittel gegen knapp 200 bekannte Computerviren-Arten gespeichert und sie musste vor jedem Gebrauch eines Computers eingeworfen werden. Zusätzlich wurden die einzelnen Arbeitszimmer- Rechner allmählich mit einem Großrechner verbunden, so dass bei akutem Computerviren-Befall ein neues, unbeschadetes Betriebssystem auf die jeweiligen Geräte kopiert werden konnte.

Der damalige Leiter des Rechenzentrums, Peter Stöckl, hielt zudem Vorlesungen, in denen angehende Informatiker über Tücken sowie Bekämpfungsmöglichkeiten dieser kleinen Schädlingsprogramme aufgeklärt wurden.

»Mit ihren 82.000 Einwohnern ist die Kreisstadt Villingen-Schwenningen ein attraktiver Standort – auch zum Studieren.« Das dachte der damalige Abgeordnete Erwin Teufel und brachte 1987 einen Antrag bei der Landesregierung ein. Darin stellte er Maßnahmen zur Strukturverbesserung der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg und zur Entwicklung des Oberzentrums vor. Seine Ideen wurden bereits ein Jahr später in die Tat umgesetzt: Regelrecht schicksalhaft wurde die Außenstelle der Hochschule Furtwangen auf dem Areal der ehemaligen Uhrenfabrik Kienzle bezogen. Mit der Aufnahme des Studienbetriebs in der Abteilung in Schwenningen begann ein neues Kapitel in der Weiterentwicklung der Hochschule und darüber hinaus auch dieser Region. Zum Start im Wintersemester 1988/89 wurde ein Forschungsinstitut für Mikround Informationstechnik eingerichtet und 600 Studierende durften ihre Ausbildung auf dem neuen Campus beginnen. Mittlerweile hat sich Schwenningen durch die wachsende Zahl an Studierender von einer Arbeiter- zu einer Studentenstadt entwickelt. Mit den Fakultäten Mechanical und Medical Engineering, Life Science und der Business School sind dort derzeit drei Einrichtungen beheimatet, die ein über beachtliches fachliches Ansehen verfügen.

Wer kennt sie nicht? Die Ohrwürmer der deutschen Rockband PUR, die seit den 1980-er Jahren Konzertsäle in ganz Deutschland füllen. »Komm mit mir ins Abenteuerland! « oder: »Wo sind all die Indianer hin?« sind dabei nur zwei der vielen Hits aus ihrem Repertoire. Im Jahr 1986 gewann die Band um Frontmann Hartmut Engler den Preis als beste Band beim Bundes-Rock-Festival in Osnabrück. Seither sind die Musiker aus Bietigheim fast überall in Deutschland aufgerten. Ein Jahr später nach ihrer Auszeichnung auch im Schwarzwald: in der Aula der Fachhochschule Furtwangen! Für eine Gage von 1.500 Mark brachte PUR die Studenten zum Feiern. Begeistert schrieb die Redaktion der damaligen Studentenzeitschrift Perspektiven: »Die Texte sind anspruchsvoll, die Musik ist mal melodisch mal rockig. Wir konnten neben den Balladen auch zu schnelleren Nummern richtig abrocken. Und das alles für nur sieben Mark!”

Spaziert man nach der Vorlesung über das Hochschulgelände, so führt der Weg nahe der Mensa an einer Reihe von Kunstobjekten vorbei. Mancher Neuankömmling wird sich sicherlich nicht nur einmal die Frage gestellt haben, wie die in Stein dargestellten sechs Damen ihren Platz auf der Brücke gefunden haben und was es mit ihren fehlenden Köpfen auf sich hat. Ihre Geschichte begann Mitte der 1980-er Jahre. Im Rahmen des Projekts Kunst am Bau engagierte die Stadt Furtwangen den Freiburger Bildhauer Hans-Peter Wernet für die Neugestaltung des Stadtbilds. Doch seine Skulpturen stießen auf Ablehnung, ja sogar auf Empörung. Vor allem weibliche Studierende beschimpften sie als frauenfeindlich und frauenverachtend. Sollte so das Frauenbild an der Hochschule aussehen? Weibliche Rundungen ohne Kopf? Und das ausgerechnet an einem Ort, wo Naturwissenschaft und Technik gelehrt werden?

Weit gefehlt wer meint, der studentische Leistungsdruck wäre erst seit Anbeginn der Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem gestiegen. Schon im Jahre 1983 konnte einem Bericht des AStA entnommen werden, dass jeder zweite Studierende der Hochschule Furtwangen seine Klausuren nicht bestehen konnte. Ursache hierfür war nicht nur in den stetig steigenden Anforderungen gegenüber Studierenden, sondern auch, dass kurz zuvor die BAföG-Beiträge merklich gekürzt wurden. Dies wiederum führte oftmals dazu, dass Studierende sich gezwungen sahen, mehr Zeit in Nebenjobs als in das Lernen zu investieren. Diese Entwicklung brachte ebenfalls mit sich, dass im Sommersemester 1983 eine Einrichtung der psychologischen Studierendenberatung eröffnet wurde. Die Gelder hierfür wurden zu Teilen vom Förderverein Furtwangen sowie durch die Erhöhung des studentischen Sozialbeitrages für das Studentenwerk zur Verfügung gestellt. Wöchentlich für zwei Stunden stand fortan der Diplom-Psychologe Diethard Möller für Einzelgespräche zur Verfügung. Die vom Leistungsdruck geplagten Studierenden berichteten ihm von Problemen bei der Entscheidungsfindung bezüglich wichtiger Themen und äußerten sogar Selbstmordgedanken. Mit acht Studierenden, die regelmäßig zu den Gesprächen erschienen, galt die Betreuung bereits im ersten Semester ihres Bestehens als enorm stark frequentiert.

Nur wenigen Furtwangern dürfte seine Existenz überhaupt bekannt sein. Ein stilles Dasein fristet er im Keller der Fachhochschule. Dabei ist der »SUR 100« ein Unikat. Denn er ist Furtwangens erster und bis dato einziger Atomreaktor – wenn auch nur in Miniaturform. Bereits im Jahre 1973 wurde der knapp 2,50 Meter hohe Reaktor in Betrieb genommen und dient seitdem Forschungszwecken. Den Studierenden soll an ihm exemplarisch Aufbau und Funktion existenter Reaktoren sowie die Grundzüge der Kerntechnik nähergebracht werden. Eine Gefahr für seine Umwelt stellt der »SUR 100« jedoch zu keiner Zeit dar. Die durch ihn gewonnene Energie würde nicht einmal dazu ausreichen, Wasser zum Kochen zu bringen. Daher dürfte es auch nicht verwunderlich sein, dass der Mini-Reaktor weder von Stacheldraht noch anderen Absperrungen gesäumt ist, sondern von Studierenden frei besichtigt werden kann.

Im Gegensatz zu einigen vorigen Namensänderungen im Laufe der Geschichte der Hochschule Furtwangen, gab es im Falle 1971 keine inhaltlichen oder von der Industrie ausgehenden Beweggründe. Vielmehr liegen die Ursachen hierfür in hochschulpolitischen Motiven begründet. Denn am 21. Dezember trat ein neues Fachhochschulgesetz, rückwirkend zum 1. Oktober desselben Jahres, in Kraft. Infolgedessen wurde die Staatliche Ingenieurschule umgetauft und erhielt an diesem Tag den Namen Fachhochschule Furtwangen. Änderungen gabe es wenige und so gingen die meisten Studienpläne der unterschiedlichen Studiengänge inhaltlich mit denjenigen der Jahre zuvor konform. Die Ausbildung an der Fachhochschule Furtwangen betrug insgesamt acht Semester, wovon zwei sogenannte Industriesemester zu absolvieren waren. Diese waren folglich von einer praktischen Tätigkeit geprägt. Einen Anspruch auf einen Studienplatz hatte übrigens jeder Bewerber mit einer mindestens zwölfjährigen Schulausbildung, welche mit einer Fachhochschulreife abgeschlossen wurde.

Als kleines Bildungszentrum in einer dezentralen Region musste die Hochschule Furtwangen immer schon besonders innovativ sein, um ihre Attraktivität zu sichern. Aus dieser Not heraus entwickelte sich die kleine Stadt im Schwarzwald zum Vorreiter mit Pioniergeist. Häufig war dessen Hochschule dabei führend bei der Einrichtung neuer und zukunftsträchtiger Studiengänge sowie bei der Anschaffung von entsprechendem Lernmaterial. So auch im Jahr 1963, als die damalige staatliche Ingenieurschule Furtwangen als erste deutsche Bildungsstätte einen Großrechner erhielt: einen »IBM 1620«. Dieser wurde von 1959 bis 1970 produziert und war ein mittelgroßer, programmierbarer Lochkartenrechner. Nachdem einige Diskrepanzen zu einer räumlichen Trennung des Ingenieurbereichs und seinen Lehrlingen geführt hatte, wurde ihnen der Zugang nur für wissenschaftliche Anwendungsgebiete erlaubt. So waren die ersten Studierenden der Abteilung Elektronik und Regelungstechnik in der Lage, ihre Ausbildung mit dem Großrechner zu gestalten, der nur fünf Jahre später durch den »IBM 1130« abgelöst wurde.

Dass Furtwangen im Schwarzwald zu den schneereichsten Regionen in ganz Deutschland zählt, dürfte den ein oder anderen Studierenden bei seiner ersten Ankunft überrascht, ja sogar überrumpelt haben. Jedoch haben die Neuankömmlinge seit jeher viel Zeit, sich an die Situation zu gewöhnen – die Winter in Furtwangen sind lang und die weiße Pracht ist bis weit in das Jahr hinein präsent. So kommt es auch nicht von ungefähr, dass Furtwangens Hochschule die einzige ist, an der es sprichwörtlich zwei Wintersemester gibt.

Die jährlich rund 2.000 Liter Niederschlag pro Quadratmeter sind manchmal selbst den Einwohnern Furtwangens zu viel. So wurden im Jahr 1952 wegen starker Schneefälle alle männlichen Bewohner der Stadt zwischen 16 und 60 Jahren, darunter auch Schüler der Uhrmacherschule, zum Schneeräumen verpflichtet. Nicht nur in Furtwangen fielen in einer Nacht bis zu drei Meter Neuschnee. Ganz Europa erstickte in diesem Jahr unter den Schneemassen.

Seit 1939 wurde die Uhrmacherschule zu kriegswirtschaftlichen Zwecken genutzt. Die Uhrmacherausbildung war längst zweitrangig. Dies sollte sich erst nach dem Ende des Krieges ändern. Nach einer kurzzeitigen Schließung 1945 wurde infolge aufwendiger Umstrukturierungen der Unterricht im April 1946 wieder aufgenommen. Man versuchte, inhaltlich direkt dort anzuschließen, wo man vor dem Zweiten Weltkrieg aufgehört hatte. Doch befand sich die Wirtschaft der Nachkriegszeit auch hier in einer sehr schwierigen Situation. Deutschland wurde zur Demontage gezwungen und im Zuge dessen wurden auch viele Maschinen diverser Furtwanger Industrieller von den Besatzungsmächten beschlagnahmt. Doch trotz dieser die eigene Existenz bedrohenden Einbußen bekam die Uhrmacherschule von vielen Firmen im Schwarzwald tatkräftige Unterstützung. Erhebliche Mengen an Werkzeugen und Maschinen wurden ihr geschenkt oder zuweilen leihweise überlassen. Ohne das wäre der Uhrmacherschule ihr Neustart misslungen. Neben diesen materiellen Bedingungen mussten zudem viele der ehemaligen Lehrkräfte, die durch den Krieg aus ihrem eigentlichen Tätigkeitsfeld herausgerissen worden waren, an ihre eigentliche Wirkungsstätte zurückkehren. Neue Reformen mussten beschlossen, ein Staat wieder aufgebaut werden. Auch die Uhrmacherschule durchlebte viele Modifikationen. So wurde ihr 1947 der neue Name Staatliche Ingenieurschule Furtwangen/Schwarzwald verliehen.

Sechs Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zählten zum normalen Unterrichtsbetrieb der Uhrmacherschule auch Aufgaben der kriegswirtschaftlichen Fertigung. Als Wehrbetrieb auf diesem Gebiet war die Institution 1944 für Aufträge höchster Dringlichkeitsstufen verantwortlich. Aus diesem Grund gab es für die Furtwanger Uhrmacherschüler in diesem Jahr keine Sommerpause. Sie wurden aus den Ferien zurückgerufen, um in den Werkstätten zu arbeiten. Umso schlimmer war für sie die Nachricht, dass der Unterricht ein Jahr später komplett eingestellt werden musste. Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs hatte auch die Lehre an der Uhrmacherschule im April 1945 ihr Ende gefunden. Doch bereits ein Jahr später sollte mit Hilfe der ansässigen Firmen der Unterricht wieder aufgenommen werden.

Auch in der kleinen Stadt im Schwarzwald hielt somit der Nationalsozialismus Einzug. Nach dem missglückten Hitlerputsch gingen Furtwanger Sympathisanten zunächst in den Untergrund, hielten jedoch regen Kontakt miteinander. Als Ergebnis gründeten sie am 2. Juni 1929 im Gasthaus Zum Rößle die Ortsgruppe Furtwangen der NSDAP. Nach der Machtergreifung im Jahr 1933 bestimmte die Gruppe maßgeblich das Geschehen der Stadt. Um ein Zeichen zu setzen, wurde als erste Handlung der Marktplatz von Furtwangen in Adolf-Hitler-Platz umbenannt. Viele Furtwanger weigerten sich jedoch, Hitlers Politik und Einfluss anzuerkennen, darunter auch viele Schüler der Uhrmacherschule, die dafür den Schulverweis in Kauf nahmen. Wie intensiv die Uhrmacherschule von den Nationalsozialisten dominiert wurde, verdeutlichen die Erinnerungen eines Schülers: »Die Uhrmacherschule war zu 100 Prozent organisiert, wer nicht in die Partei eintrat, hatte zu gehen.«

Auch der Unterricht in der Badischen Uhrmacherschule wurde an die dunklen Umstände der nationalsozialistischen Herrschaft angepasst. So begann jede Stunde mit dem Hitlergruß unter der Aufsicht eines maßstabsgetreuen Portraits des »Führers«. Neben der Uhrmacherschule fanden sich auch in der dazugehörigen Schnitzereischule Anhänger rechter Gesinnung. So muss Furtwangen sich heute eingestehen, dass in dem kleinen Schwarzwaldort einmal die erste Hakenkreuzfahne in der Region geweht hat. Unter Lebensgefahr kletterten vier fanatische junge Männer auf den Schornstein der Schnitzereischule, um ihre NSDAP-Treue zu demonstrieren. Passend zur Erziehung in den Lehranstalten kam es zu dieser Zeit auch zum kulturellen Niedergang: 1933 wurden »zum Zwecke der Bereinigung der Volksbücherei von minderwertiger Literatur« Bücher von Tucholsky, Kästner, Freud, Marx und zahlreichen weiteren Freidenkern auf dem Festplatz an der Friedrichstraße von Furtwangen auf einen Scheiterhaufen gestapelt und verbrannt.

Auch die Bürger Furtwangens entkamen nicht der Aniehungskraft, die von den Versprechungen und Hoffnungen gegenüber der so genannten »Neuen Welt« ausgingen. Im Jahr 1927 waren bereits mehr als 100 in den Vereinigten Staaten lebende Furtwanger verzeichnet. Ungefähr 80% von ihnen ließen sich in Connecticut nieder, schließlich waren auch dort große Uhrenfabriken ansässig. Besonders Absolventen der Uhrmacher- und Schnitzerschule forderten daher ihr Glück in der weiten Ferne heraus. Doch sollte sich gerade die Anfangszeit des Unterfangens als eine sehr schwierige hervortun. Nicht nur die Sprachbarrieren galt es zu überwinden, sondern als sogenanntes »Green horn«, wie die Neueinwanderer genannt wurden, musste zunächst schlichten Arbeiten als Uhr- oder Werkzeugmacher nachgegangen werden. Diese waren mit 40-50 Cent pro Stunde durchaus schlecht bezahlt, hält man sich vor Augen, dass allein ca. zwölf Dollar pro Woche für Essen ausgegeben werden mussten. Aber die deutschen Uhrmacher genossen einen makellosen Ruf und einigen von ihnen gelang es, durch harte Arbeit Stellungen als Werkmeister zu erlangen, was letztlich ein besseres Leben bedeutete. Ironischerweise war es gerade diese neu aufkommende, durch deutsche und insbesondere Furtwanger Uhrmacher geprägte amerikanische Uhrenindustrie, die den Absatz deutscher Uhren in der einstigen Heimat später beeinträchtigen sollte.

»Hier Radio-Funkstation der Badischen Uhrmacherschule in Furtwangen« – mit diesen Worten startete am 5. August 1925 die erste Radiosendung Furtwangens. Konstruiert und errichtet wurde die Sendestation von der Badischen staatlichen Uhrmacherschule. Anlass hierfür lieferte eine Gewerbeausstellung. In Zusammenarbeit mit der Furtwanger Industrie fand diese im gesamten August 1925 in den Räumen der Uhrmacherschule statt. Folglich sollten möglichst viele Hörer, an ebenso zahlreichen Orten, durch die Funkmeldung erreicht werden. Gleichzeitig wollte man dadurch auch stolz die eigene Technikaffinität und den Furtwang’schen Pioniergeist beweisen – wiederum mit Erfolg, denn Furtwangen wurde von einigen Städten um diese neuartige Funkstation beneidet. Dass man sich aber dennoch auf den Pfaden einer damals noch sehr jungfräulichen Technik befand, verdeutlicht die Tatsache, dass die Hörer am Ende der Durchsage ehrergiebig dazu aufgefordert wurden, der Uhrmacherschule doch bitte Rückmeldung zu geben, ob man die Sendung denn überhaupt empfangen habe. Im Anschluss an die Ankündigung wurden die Zuhörer mit einigen Konzerten belohnt, die auf einem Welte-Mignon Apparat gespielt wurden.

Die bereits Ende des 19. Jahrhunderts einsetzende Industrialisierung, brachte einen einschlagenden Wandel mit sich. Auch die Uhrmacherschule blieb von dieser Revolution nicht unberührt. Seit einigen Jahren wurden die Schüler bereits in der aufsprießenden Elektrotechnik unterrichtet. Doch konnte dieser Umstand die Anforderungen der Schwarzwälder Industrie noch nicht zufriedenstellen. 1922 formulierte sie daher den Wunsch, es mögen Handwerker ausgebildet werden, die ein ausgeprägtes Verständnis sowohl für die Praxis als auch die Theorie ihres Schaffens aufweisen und sich durch das Streben nach etwas Höherem als Führungskräfte hervortun sollen. 1925 wurde diesem Wunsch seitens des Kultusund Unterrichtsministerium Badens nachgekommen und die Satzungen der Uhrmacherschule überarbeitet. Fortan musste vor der Einschreibung an der Uhrmacherschule eine zwei bis drei jährige praktische Ausbildung, mit zeitgleichem Gewerbeschulebesuch vorgewiesen werden. Erst nach der Erlernung dieser Handfertigkeiten folgte im Anschluss eine Weiterbildung auf der Uhrmacherschule, welche sich in vier Semester untergliederte. Neben diesen internen Änderungen zeugten auch andere Aspekte von einer Modernisierung. So schlug diese sich auch im neuen Namen der Schule, welchen sie ebenfalls ab 1925 trug, nieder. Badische Uhrmacherschule Furtwangen – Staatliche Fachschule für Uhrmacherei, Elektro- und Feinmechanik, war seither der Ort, an welchem die zukünftigen Führungskräfte ihr Handwerk erlernten.

Das Leid fand nach dem 1. Weltkrieg kein sofortiges Ende. Die Armut und die schwierige Ernährungslage in Furtwangen blieben auch weiterhin unverändert. Die missliche Situation intensivierte sich noch dadurch, dass eine weitgreifende Wirtshauskrise die Einstellung des gesamten Küchenbetriebs näher rücken ließ. Das Gastwirtsehepaar Otto & Hermine Wulst waren der Krise bereits zum Opfer gefallen und sahen sich gezwungen, ihr Gasthaus Rebstock, das erstmalig 1857 eröffnet wurde, im Jahre 1920 zu verkaufen. Der damalige Bürgermeister Albert Wild ergriff die Chance, beorderte die Gemeinde dazu, den Rebstock samt Küche und Inventar für 143.000 Mark zu erwerben und eröffnete eine Furtwanger Volksküche. Diese war vor allen Dingen für Alleinstehende unabdingbar, da sie den Ehepartner häufi g durch den Krieg verloren hatten und dadurch unter Hungers- und Verpfl egungsnöten zu leiden hatten. Der Erfolg der Volksküche sollte nicht ausbleiben und die zahlreich erscheinenden, notbedürftigen Bürger konnten dank täglicher Mahlzeiten gesättigt werden. Das Essen wurde zudem von den Gästen sehr gelobt, was mitunter dazu führte, dass auch die Uhrmacherschule ihren eigenen Küchenbetrieb einstellte und ihre Schüler fortan als Gäste der Volksküche verzeichnet wurden.

Eine besonders heimtückische Krankheit, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausbreitete, stellte die sogenannte Spanische Grippe dar. Der Epidemie fielen weltweit mindestens 25 Millionen Menschen zum Opfer. Schätzungen gehen sogar von einer Gesamtopferzahl von über 70 Millionen aus. Zum typischen Krankheitsverlauf gehörten hohes Fieber, Schüttelfrost und eine schwere Lungenentzündung, die von starken Blutungen begleitet wurde und meist in kürzester Zeit zum Tode führte. Auch war die Haut der Patienten von dem erlittenen Sauerstoffmangel häufig bläulich-schwarz gefärbt.

Im Juni 1918 wurden erste Erkrankte auf deutschem Boden registriert. Im Herbst desselben Jahres erreichte das Unheil auch Furtwangen. Der Krankheitsverlauf war auch hier rasant. Zwischen 27. Oktober und 3. November starben sechs Personen an den Folgen der Infektion. Unzählige weitere waren erkrankt, was dazu führte, dass Tageszeitungen aufgrund des Arbeitermangels nur noch verspätet erscheinen konnten. Auch die Uhrmacherschule sah sich gezwungen, ihre Pforten für einige Zeit schließen zu müssen.

Das Kriegstreiben mit seinen verheerenden Folgen für die europäische Bevölkerung hinterließ auch in Furtwangen deutliche Spuren. Die Krankenstationen waren überfüllt mit Kriegsverletzten und große Armut breitete sich allmählich unter den Bürgerinnen und Bürgern aus. Während Maximalpreise für Grundnahrungsmittel unter Androhung gravierender Strafen bei einem Überschreiten festgelegt wurden, stiegen andere Preise (wie das Briefporto) in unermessliche Höhen. Die Bewohner mussten sich stark einschränken, um mit ihren überschaubaren Mitteln diese schwere Zeit überstehen zu können. Auch die Industrie war seit Anbeginn des Krieges zum Erliegen gekommen. Die Holzschnitzerei- und Uhrmacherschule waren ebenfalls betroffen. Ihnen ging ein beachtlicher Teil ihres Absatzes durch das fast vollständige Wegfallen des Fremdenverkehrs verloren. Zudem kämpften einige der Schüler selbst an der Front, während sich viele von den zu Hause gebliebenen Schülern bei der Jugendwehr der Uhrmacherschule beteiligten.

Neben den Krankhäusern kümmerten sich die Furtwanger Frauenvereine um die große Zahl an verletzten und heimgekehrten Soldaten. Ab 1916 trafen sie sich regelmäßig zu einem sogenannten Soldatenheim im Gasthaus zum Ochsen, wo die Soldaten bewirtet und ihnen Spiele angeboten wurden, um für einen Moment das Kriegsgeschehen zu vergessen.

Seit jeher spielten die Schüler der Uhrmacherschule im gesellschaftlichen Leben Furtwangens eine tragende Rolle. So kommt es auch nicht von ungefähr, dass die Lehrlinge neben dem Unterricht verschiedenen Beschäftigungen nachgingen. Unter anderem spielten sie unter dem Namen »Teutonia« auf einem Platz oberhalb des Rabenberges, der auch heute noch erkennbar ist. Die Geschichte begann bereits einige Jahre zuvor, als einer der Bewohner des Städtchens von einer Geschäftsreise einen Ball aus Leder mitbrachte. Von diesem Zeitpunkt an war die Begeisterung für das Fußballspiel in Furtwangen geweckt und die Uhrmacherschüler hätten mit ihren Ballkünsten weit über den Schwarzwald hinaus bekannt werden können, wäre da nicht der Direktor der Uhrmacherschule gewesen. Er unterband der Mannschaft Auswärtsspiele mit der Begründung, die Hosen ihrer Sportkleidung seien zu kurz. So mussten sich die Uhrmacherschüler zunächst mit Spielen auf dem eigenen Rasen begnügen – bis zum Jahr 1907, als sich die Mannschaft mit der bereits ansässigen »Germania« zum FC 07 Furtwangen zusammenschloss und einen Verein bildete. 41 Jahre später brachte dieser eine der ersten Damen-Fußballmannschaften in der Region hervor, die bis zum heutigen Tag existiert und Heim- sowie Auswärtsspiele bestreitet.

Die Abgeschiedenheit Furtwangens stellte für die fl orierende Uhrenindustrie seit jeher einen beeinträchtigenden Nachteil dar. Durch die Anbindung an ein Eisenschienennetz sollte dieser Situation entgegengewirkt werden. Nach vielen Verhandlungen und Anträgen wurden die jene Stimmen, die zum ersten Mal bereits im Jahre 1838 aufgekommen waren, 1893 endlich erhört und der Schienennetzanschluss in die Tat umgesetzt. Mit der langjährigen Planung wurde niemand anderes als Robert Gerwig, der Gründer der Uhrmacherschule, betraut, der sich selbst ja stets lieber als Eisenbahn-Pionier denn als Schuldirektor sah. Die Schienen wurden an eine schon im Vorjahr eröffnete Strecke zwischen Donaueschingen und Hammereisenbach angegliedert. Das neu gelegte Streckennetz, das sich als eines der komplexesten und aufwendigsten Europas erweis, war seit seiner Eröffnung allerdings von wirtschaftlichen Schwierigkeiten begleitet und konnte letztlich nicht die hohen Erwartungen erfüllen. Trotz vieler Rückschläge wurde das Schienennetz zwischen Furtwangen und Bräunlingen aber erst im Jahr 1972 wieder abgebaut. Auf dem Reststück zwischen Bräunlingen und Donaueschingen wird noch bis heute Personenverkehr betrieben.

Um das Herz der Kuckucksuhr zum Schlagen zu bringen, benötigt es in erster Linie die Kunst der Feinwerktechnik. Dazu sind mechanische Kenntnisse nötig, die in der Badischen Uhrmacherschule gelehrt wurden. Doch was nützt die Technik in der Uhr, wenn sie nicht ansprechend gestaltet ist? Das dachte sich auch das Kollegium der Schule und stellte im Jahr 1889 einen Lehrer für den Zeichenunterricht ein, der den Uhrmacherschülern den Umgang mit Bleistift und Pinsel näher bringen sollte. Aus dem Markgräfl erland reiste Hermann Dauer in den Schwarzwald, um seine erste Stelle nach dem Studium anzutreten. Sein zweites Zuhause fand er dann schließlich im Kegelclub der Stadt, der sich regelmäßig im Gasthaus »Rößle« traf. Der Neuankömmling wurde derart herzlich empfangen, dass er sich bei seinem Abschied nur 18 Monate später mit einer Überraschung bedankte: Er verfasste Kurzgeschichten aus dem Leben seiner Kegelbrüder, die er stilvoll mit Zeichnungen illustrierte. Auf ihnen werden verschiedene Typen aus verschiedenen Klassen liebevoll verspottet. Aus diesen Geschichten entstand schließlich ein Buch, das über viele Umwege seinen Platz im Regal des Furtwanger Heimatmuseums im ehemaligen Gasthaus »Arche« fand.

Spätestens auf der Wiener Weltausstellung 1873 wurde den Schwarzwälder Uhrmachern bewusst, dass sie weiterhin weder mit der Technologie noch den Designentwürfen anderer Uhrenindustrienationen mithalten konnten. Die Meinung, die Uhrmacherschule habe während ihrer Existenz bereits genug Uhrmachermeister hervorgebracht, musste revidiert und die Schließung der Uhrmacherschule als Fehler eingestanden werden. Neue Pläne, die Uhrmacherschule wiederzueröffnen, wurden daher ausgearbeitet. 1877, immerhin 14 Jahre nach der Schließung, war es dann soweit und die Türen der Badischen Uhrmacherschule standen wieder offen. Man hatte aus den Fehlern gelernt und bediente sich eines neuen Schulkonzepts. Die Schule hatte nunmehr einen spezialisierten Aufbau:, denn der Schwerpunkt lag fortan auf der Großuhrenwerkstatt; Taschenuhren wurden nicht mehr angefertigt. Außerdem wurde eine Klasse eingerichtet, die sich auf Holzarbeiten konzentrierte. Aus dieser sollte später die Schnitzereischule entstehen.

Die Ausbildung bestand aus einem einjährigen Fachschulunterricht, gefolgt von einer mindestens zweijährigen Betriebspraxis, die mit einem Gewerbeschulbesuch verbunden war. Auch 1877 blieb die überarbeitete Uhrmacherschule die einzige ihrer Art in ganz Deutschland. Doch leider wurde sie gerade zu Beginn nicht zufriedenstellend angenommen. In den ersten Jahrgängen besuchten sie lediglich fünf bzw. sechs Schüler.

Das beschauliche Furtwangen war schon seit den Anfängen des 19. Jahrhunderts von überregionaler Bedeutung. Der Uhrenhandel machte die Gemeinde zu einem der zentralen Verkehrspunkte im Schwarzwald. Begleitet wurde diese Entwicklung von einem stetigen Bevölkerungswachstum. Um seinem Ansehen gerecht zu werden und sich zudem größere und freiheitlichere Rechte in Bezug auf die Selbstverwaltung der Gemeinde zu sichern, gehörte die Diskussion über den Erwerb der Stadtrechte seit längerem zur Tagesordnung des Furtwanger Gemeinderates. Nachdem bereits ein potentiell adäquates Rathaus errichtet wurde, stellte der damalige Bürgermeister Josef Zimber am 14. Januar 1873 einen erneuten Antrag zur Erhaltung der Stadtrechte – mit Erfolg. Der Gemeinderat gab seine Zustimmung und auch seine königliche Hoheit, der Großherzog Friedrich I., willigte am 2. Mai desselben Jahres ein und verkündete feierlich, dass dem Marktflecken Furtwangen die Eigenschaft einer Stadt verliehen werden solle.

So kam es, dass Furtwangen mit seinen bereits damals über 3.000 Einwohnern fortan den Stadt-Titel tragen durfte und Stadt-Rechte zugesprochen erhielt.

Nachdem schon 1857 erste Stimmen aufkamen, die sich für eine Schließung der Badischen Uhrmacherschule aussprachen, fand der Schulbetrieb nur wenige Jahre später ein jähes Ende. Am 31. Dezember 1863 schloss die Uhrmacherschule ihre Pforten. Die Abwicklung der Schließung reichte aber noch bis über das Jahr 1864 hinaus. Die von der Schließung betroffenen Schüler erhielten staatliche Beihilfen. Die Gemeinde Furtwangen wiederum erhielt als Ausgleich die Zusicherung, dass eine Filiale der in Karlsruhe entstehenden Landesgewerbehallen eingerichtet werde, die das heimische Gewerbe zukünftig fördern sollte. Zudem blieb eine Gewerbeschule erhalten, deren Unterricht anfangs in den alten Räumen der Uhrmacherschule stattfand, später dann im Rathaus fortgeführt wurde. Die Gründe der Schließung können auch heute nicht mit völliger Sicherheit genannt werden. Einer offiziellen Erklärung kann jedoch entnommen werden, dass man das Gefühl hatte, in den 13 Jahren des Bestehens der Uhrmacherschule eine außerordentlich breite Masse an qualifizierten Uhrmachern ausgebildet zu haben, so dass die Schwarzwälder Uhrenindustrie keinerlei Hilfe mehr benötigte. Die restliche Entwicklung und Erholung der Industrie sollte ihrem natürlichen Lauf überlassen werden. Andere Quellen identifizieren dagegen Unstimmigkeiten in den Verwaltungsetagen, die die Schließung herbeigeführt haben könnten.

Wie die Geschichte aber zeigen wird, sollte das Ende der Schule von nicht allzu langer Dauer sein. Denn letztlich kann konstatiert werden, dass trotz mancher Unterbrechungen und Umstrukturierungen die Badische Uhrmacherschule nicht nur den Ursprung der Robert-Gerwig-Schule, sondern auch der Fachhochschule Furtwangen darstellt, die bis zum heutigen Tag einen guten Ruf auf nationaler und internationaler Ebene genießt.

Seine malerische Lage und die prägende Uhrmacherindustrie wurden auch nicht von Literaten übersehen. Im Jahre 1861 veröffentlichte Berthold Auerbach seinen Roman »Edelweiß«, der trotz des verwirrenden Titels das Leben und die um 1850 vorherrschende Not der Schwarzwälder Uhrenmacher thematisierte. In ihm beschreibt Auerbach das Leben eines einfachen Uhrmachers namens Lenz. Dieser heiratet das schöne Annele, die Tochter eines angesehenen Uhrenhändlers. Der Ehe der beiden soll Harmonie allerdings vergönnt bleiben, oder, um es in Auerbachs Worten zu sagen: »ihre Pendel schwingen eigensinnig«. Der Missmut der beiden steigt, als Lenz durch unglückliche Umstände sein gesamtes Kapital verliert. Als der Ehestreit seinem Höhepunkt zusteuert, wird das Haus der beiden von einer Lawine überschüttet. Am darauffolgenden Tag kann das Ehepaar allerdings gerettet werden und zeigt sich, zur Überraschung der Anwesenden, geläutert und harmonisch. Auerbach, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den beliebtesten Schriftstellern Deutschlands zählte, reiste zu Recherchezwecken nach Furtwangen. Zwar wird dieser Ort in seinem Roman nie beim Namen genannt, doch lassen die enthaltenen Beschreibungen nur den Schluss zu, dass es sich hierbei um Furtwangen handeln muss. Auch einige Nebenfiguren erinnern an Furtwanger Persönlichkeiten. So ist die Rede von einem von auswärts kommenden Maschinenbauern mit vorgewölbter Stirn und vollem Bart, bei dem es sich nur um Robert Gerwig, den Gründer der Uhrmacherschule, höchstpersönlich handeln kann.

Nachdem Robert Gerwig das Amt des Schulleiters quittiert hatte, wurden erste Überlegungen getroffen, die Uhrmacherschule zu schließen. Doch war diese Gegenbewegung noch nicht stark genug und wurde zusätzlich durch den geschiedenen Schulleiter entkräftet, da er sich strikt gegen diese Pläne aussprach. Statt einer Schließung sollte in den Jahren 1857 und 1858 eine Umstrukturierung der Uhrmacherschule erfolgen. Fortan unterstand die Schule nicht mehr dem Innenministerium Badens, sondern dem Gewerbeschulrat. Dieser war in seinem Wesen praxisnah und wirtschaftlich geprägt, was sich auch in den neuorganisierten Lehrplänen niederschlagen sollte. Trug die Schule in den Jahren zuvor noch deutlich das pädagogisch-didaktische Gewand eines Ausbildungssystems, so setzte sie sich nun verstärkt erwerbswirtschaftliche Ziele. Die Theorie wurde ebenfalls zugunsten der Praxis geschmälert und zeitgleich die Präsenszeit der Schüler drastisch auf täglich 13 Stunden erhöht. Gerechtfertigt wurde diese Entscheidung mit der Begründung, dass die Schüler durch diese Mehrbeanspruchung an das zukünftige Arbeitsleben gewöhnt werden sollten. Denn mit 13 Stunden würde sich die schulische Arbeitszeit derjenigen in Privatwerkstätten annähern. Trotz aller Änderungen blieb die Geschichte der Uhrmacherschule ein anhaltender Erfolg. Seit ihrer Gründung im Jahr 1850 half die Uhrmacherschule denn auch der Uhrenindustrie im Schwarzwald, mit der Zeit Schritt halten zu können.

1852 tätigte Robert Gerwig in seinem Gewerbeblatt für den Schwarzwald einen Aufruf an alle Schwarzwälder, alte Uhrwerke der Großherzoglichen Badischen Uhrmacherschule zu übersenden. Unzählige leisteten ihm Folge und schon bald entstand eine bemerkenswerte Sammlung. Auf diese Weise konnten fortan Uhrhandwerkskünste an einem zentralen Ort gesammelt werden und gleichzeitig schuf Gerwig durch dieses Unterfangen die Grundpfeiler des Deutschen Uhrenmuseums in Furtwangen. Die Sammlung vergrößerte sich in den folgenden Jahren stetig und erreichte bald ein solches Ausmaß, dass sie im Jahre 1858 zum ersten Mal auf der Schwarzwälder Industrieausstellung in Villingen präsentiert wurde. Im Besitz der Uhrmacherschule befinden sich seither die unterschiedlichsten und wichtigsten Exemplare des Uhrmacherhandwerks. Die unverkennbar enge Beziehung zwischen dem Uhrenmuseum und der Fachhochschule Furtwangen, der einstigen Uhrmacherschule, zieht sich in diesem Zusammenhang wie ein roter Faden durch deren Geschichte. 1959 wurde das Museum als Teil der Hochschule neu erbaut und im Jahre 1992 wurde es dann mit einem Gebäude der Hochschule verbunden, in dem es sich bis zum heutigen Tag befindet.

Am 1. April 1850 wurde der Unterricht an der Badischen Uhrmacherschule aufgenommen. Bewerben konnte sich hierzu grundsätzlich jeder männliche Badener von mindestens 14 Jahren, wobei die Anträge von Schwarzwäldern bevorzugt behandelt wurden. Eine einführende sechswöchige Probezeit entschied anschließend darüber, ob die Anwärter weiterhin an der Uhrmacherschule lernen durften oder den Anforderungen nicht gerecht wurden. Der Unterricht war kostenlos, ganztägig und der Besuch freiwillig. Schon darin lässt sich die moderne Struktur der neu eröffneten Schule erkennen. Dieser Pioniergeist zeigte sich im Übrigen auch in der Tatsache, dass die Schüler zwar eine berufliche Grundausbildung vom Lehrling zum Gehilfen absolvierten, aber durchaus als sogenannte Multiplikatoren wirken sollten. Man versuchte, den Absolventen alles zu lehren, was sie dazu befähigen könnte, neue Mittel und Wege der Uhrmacherei zu begründen. Grundsteine hierfür wurden nicht nur durch das praktisch vermittelte Wissen gelegt, sondern auch durch die theoretischen Unterweisungen, die immerhin 25 % des Gesamtunterrichts ausmachten. Die Unterrichtszeiten umfassten ganze 63 Wochenstunden; Ferien gab es, wie in anderen Berufsschulen, ebenfalls keine. In den ersten Jahren hatte die Uhrmacherschule 18 Zöglinge in der Taschenuhr- und 17 in der Großuhrwerkstatt und galt damit als ausgelastet. Die Ausbildungsdauer lag in den Anfangsjahren im Ermessen des Schulleiters, hielt sich in der Regel aber an einen Richtwert von drei Jahren.

Mit ihren modernen Theorien und hochtechnisierten Einrichtungen stellte die Badische Uhrmacherschule eine Seltenheit, vielleicht auch Singularität im deutschen Bildungswesen dar.

Am 15. März 1850 wurde Robert Gerwig aus Karlsruhe zum Schulleiter der Badischen Uhrmacherschule in Furtwangen ernannt. Er war zuvor an der Großherzoglichen Oberdirektion des Wasser- und Straßenbaus tätig und hatte sich kurioserweise nie für das Amt des Schulleiters beworben. Gerwig sah sich stets dem Ingenieurswesen und der Industrie, insbesondere des Eisenbahngewerbes, verpflichtet. Dennoch wurde er nach Furtwangen berufen und sah sich gezwungen, dieser Anordnung zu folgen. Vielleicht beschwichtigte ihn die Tatsache, dass er seinen Dienst hauptsächlich im heimischen Karlsruhe ausüben und sich weiterhin nebentätlich an der Großherzoglichen Oberdirektion beschäftigen konnte.

Seine anderweitig gelagerten Interessen lassen sich etwa an Gerwigs Tätigkeit als Herausgeber des ersten Gewerbeblatts für den Schwarzwald erkennen. Dieser Aufgabe ging er in den Jahren 1852-1856 nach. Mit diesem Blatt wollte er die gesamte Uhrenindustrie fördern, indem neue Verfahrenswege und Techniken besprochen und analysiert wurden. In diesem Zusammenhang bat er auch die Bewohner des Schwarzwalds, der Uhrmacherschule alte Uhren zukommen zu lassen. Das Fundament des Uhrenmuseums wurde dadurch gelegt. Auf Grund seiner Unzufriedenheit mit seinem Dienstort hat sich Gerwig in seinen Jahren als Schulleiter immer wieder an die Badische Regierung mit dem Gesuch gewendet, ihn doch aus seinem Amt zu entheben. Nach vielfachen Drängen und beschleunigt durch die Tatsache, dass Gerwig mit der Planung der Linienführung der zukünftigen Schwarzwaldbahn beauftragt wurde, kam man seinen Bitten schließlich im Jahr 1857 nach. Gerwig wurde nach nur sieben Jahren aus Furtwangen verabschiedet. Er selbst hat wohl nie an der Uhrmacherschule gelehrt.

Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich die Schwarzwälder Uhrmacherei in einer Krise. Die produzierten Uhren schienen nicht mehr konkurrenzfähig zu sein. Zum einen ließen sie Innovationen vermissen, zum anderen stiegen die Preise, da ihre Anfertigung wenig durchdacht war. Diese Probleme entstanden vor allem durch die unzureichende Qualifizierung der Uhrmachermeister. Um dadurch aufkommender wirtschaftlicher Not entgegenzusteuern, wurde daher bereits 1847 der Uhrengewerbsverein in Schönenbach im Bregtal gegründet. Er war es auch, der den Wunsch artikulierte, eine Uhrmacherschule zu gründen, um der Uhrenindustrie zukünftig qualifizierteres Personal bereitstellen zu können. Der Verein wandte sich dazu mit einer Petition an die Badische Regierung und ihr Gesuch wurde akzeptiert. Am 26. Februar 1849 ordnete Großherzog Leopold die Gründung der ersten deutschen Uhrmacherschule in Furtwangen im Schwarzwald an.